Eine ganz besondere Reise

„Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce

Wege © Martina Hildebrand 2013Jahrelang hatten Harold und Maureen ihre Gefühle unter Verschluss gehalten, schweigend lebten sie nebeneinander her. Nichts schien den erstarrten Alltag noch ändern zu können.

Doch dann bekommt Harold einen Brief, der ihn tief erschüttert. Es ist ein Abschiedsbrief einer Kollegin, die vor zwanzig Jahren plötzlich verschwand. Queenie liegt im Sterben. Sie hat Krebs. Harold weiß nicht, was er antworten soll. Was schreibt man einer Sterbenden?

Schließlich schreibt er zwei kurze Sätze, zieht seine Jacke an, verabschiedet sich von seiner Frau und geht zum Briefkasten. Dort angekommen zögert er. Er schämt sich für die dürftigen Zeilen. Er kann den Brief einfach nicht einwerfen und beschließt bis zum nächsten Briefkasten zu laufen. Doch auch hier kann er sich nicht entschließen, den Brief durch den Schlitz zu schieben. Er würde ihn am Postamt abgeben, denkt er sich, dann käme er sicher am nächsten Tag bei Queenie an. 

So beginnt Harold vollkommen ungeplant, ohne Gepäck und mit Segelschuhen an den Füßen, seine Pilgerreise von der Südküste Englands bis zum 1.000 km entfernten Hospiz an der schottischen Grenze. Er ist überzeugt davon, dass er auf diese Weise Queenies Leben retten kann.

Harold pilgert aber nicht nur für Queenie, sondern auch für seine Frau Maureen, für seinen Sohn David und vor allem für sich. Er will nicht länger in der passiven Erstarrung leben, sondern etwas bewegen. So hört er nicht auf zu laufen.
Es ist ein steiniger Weg. Mal ist Harold hoch motiviert, mal wird er von Selbstzweifeln und Sinnlosigkeit gequält. Mal kommt er gut voran, mal läuft er sogar in die falsche Richtung.
Auch bei seiner Frau Maureen löst Harolds Reise eine Menge aus. 

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war ich zu Tränen gerührt.
Es war nicht so, dass mich der Roman permanent gefesselt hätte, dennoch las ich Seite um Seite, tauchte tiefer in die Geschichte ein, während der Rentner Harold Fry Schritt für Schritt aus seiner jahrelangen Erstarrung lief. Längst vergessene Erinnerungen und Gefühle fanden bei ihm den befreienden Weg aus der Dunkelheit ins Licht. So erfährt man nach und nach, was es mit dem Schweigen zwischen ihm und seiner Frau auf sich hat, warum sein Sohn nicht nach Hause kommt und warum Queenie so plötzlich aus seinem Leben verschwand.

Das Ende war anders, als ich es erwartet hatte, und es hat mich tief berührt.

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Eigentlich wollte ich darüber schreiben, was mich so bewegt hat, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Ich wollte es für den Blog, für euch und für mich niederschreiben.

Doch ich schrieb nicht.

Nachdem ich eine Weile in Gedanken versunken war, hatte ich andere Dinge zu tun. Zumindest tat ich diese „anderen Dinge“, obwohl sie sicher noch hätten warten können.
Dann musste ich mit meinem Hündchen raus, anschließend etwas essen … so kam eins zum anderen und schon waren die Gedanken verschwunden und seltsamerweise nicht wieder auffindbar.

Sollte ich mich auf die Suche begeben und sie wieder einfangen?

Für einen Augenblick wollte ich es tun, doch dann dachte ich, ich lasse sie einfach dort, wo sie sind. Ich lasse sie los und gehe weiter.
Es war ein Moment, der meine Seele tief berührte, ein besonderer Moment nur für mich.

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Ich finde, die Geschichte von Harolds Reise passt gut in die Adventszeit, da es hier auch darum geht, anzukommen. 

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine wunderbare Adventszeit. 

Martina Hildebrand

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45 Antworten zu Eine ganz besondere Reise

  1. nurmalich schreibt:

    Ja, Martina, ein sehr empfehlenswertes Buch, das mich auch sehr gefesselt und berührt hat.
    Ich habs auch schonim meinem blog erwähnt – wenn auch nicht so ausführlich wie du.
    http://wittlicher.wordpress.com/2013/10/22/lesetipp/

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  2. wordsfromanneli schreibt:

    I think I have to read this book. Thanks for the review, Martina.

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  3. twinsie schreibt:

    Danke für diesen adventlichen Buchtipp…..liebe Martina ich wünsche dir auch eine wunderschöne und gemütliche Adventszeit!

    Liebe Adventgrüße zu dir
    Eva

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  4. Beate Neufeld schreibt:

    Das klingt sehr vielversprechend! Ich werde mal danach schauen, ob ich es mir selber schenke. ..
    Ganz liebe Grüße und Danke für den Lesetip!!!

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  5. meinesichtderwelt schreibt:

    Manchmal wollen Gedanken einfach nicht geteilt werden? Und besondere Momente, nur für einen selbst, sind und tun gut. Wie es dir gut tut: Loslassen oder einfangen 🙂 und mir hast du einen schönen Tipp für neuen Lesestoff geliefert, freu mich aufs Lesen. Liebe Grüße & einen schönen Tag für dich, Doris

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  6. Andrea Kording schreibt:

    Liebe Martina, auf jeden Fall spüre ich bei Deinen Worten, wie sehr Dich das Buch berührt hat… und das finde ich sehr schön… Danke für den Buchtipp. Hab eine schöne Vor-Weihnachtszeit, liebe Grüsse Andrea

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  7. einfachtilda schreibt:

    Jetzt habe ich eine Gänsehaut bekommen. Danke dir für den Buchtipp, so etwas spricht mich sehr an.

    Liebe Grüße und eine harmonische Adventszeit wünsche ich dir ♥ Mathilda

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  8. morgenrot schreibt:

    Ja, dieses Buch hat etwas. Es vereinnahmt einen, zwingt einen weiterzulesen. Zumindest mir erging es so. Nicht eine Spannung, sondern der Inhalt von Worten, Sätzen. Und allein schon die Sprache. Es ist wunderschön geschrieben. Der Schluss war mir aber zu theatralisch. Auf ihn hätte das Werk für mich verzichten können und dafür den Leser mit einem offenen Ende in einer eventuell bei ihm entstandenden Nachdenklichkeit zurücklassen sollen.

    http://lyrikundgedanken.wordpress.com/2012/08/10/bon-voyage/

    Liebe Grüße und eine schöne Adventszeit
    morgenrot

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Hallo, liebe Morgenrot. 🙂
      Schön wieder etwas von dir zu lesen.

      Ein offenes Ende hätte ich nicht so gut gefunden. Es hätte mich unzufrieden zurück gelassen. Ich finde, es passt so wie es ist. Für mich ist es schlüssig und nachvollziehbar. 🙂

      Liebe Grüße und auch für dich eine wunderschöne Adventszeit,
      Martina

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  9. kowkla123 schreibt:

    scheint gut zu sein, danke für den Hinweis, einen guten Tag wünsche ich, Klaus

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  10. claudi661 schreibt:

    Hallo Martina, ich hatte auch Tränen in den Augen am Ende dieses Buches. Ich habe mich als Follower für Deinen Blog eingetragen….und werde mich mal auf Deine Buchstabenwiese lege und mich lesend mit Dir beschäftigen. LG Claudi und einen schönen Tag für Dich.

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Hallo, liebe Claudi, willkommen auf der Buchstabenwiese.
      Das freut mich. Ja, mach es dir ruhig bequem auf der Buchstabenwiese. 😉

      Schön, zu lesen, dass nicht nur ich Tränen in den Augen hatte. Ich liebe Bücher, die mich so berühren können.

      Liebe Grüße und einen schönen Abend wünsche ich dir,
      Martina

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  11. mitlucyumdenblog schreibt:

    Wenn die Gedanken verflogen sind, kann man sie ruhig auch mal „hinter dem Mond“ lassen 😉 Ein schöner Buchtipp für Frauchen! Wir wünschen Euch eine schöne Adventszeit! Lucy mit Sylvie

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    • buchstabenwiese schreibt:

      🙂 Ja, das kann man wohl, liebe Lucy mit Sylvie. 😉
      Gerade drängt sich mir eine Frage auf: Was wohl inzwischen alles für Gedanken hinter dem Mond weilen. Da muss sich ja einiges angesammelt haben, wo es soooo viele Menschen gibt und soooooooooooooo viele Jahre, in denen es denkende Menschen gibt. Da lohnt es sich ja glatt mal hoch zu fahren und hinter den Mond zu gucken. :mrgreen: Fly me to the moon … ♫♪ träller … ♪♫ 😉

      Das freut mich.

      Ich wünsche euch ebenfalls eine schöne Adventzeit und ein Adventswuff von Pepper,
      Martina

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  12. minibares schreibt:

    Das scheint ja echt lesenswert zu sein, liebe Martina.
    Vor allem durch England, das würde mich schon interessieren.
    Danke dafür und auch dir und deinen Lieben eine gute Adventszeit ♥
    Bärbel

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  13. Träumerle Kerstin schreibt:

    Liebe Martina. Man spürt, dass Dich dieses Buch sehr berührt hat. Ich bewundere Menschen, die aus ihrem Trott ausbrechen, Neues wagen und dadurch wieder aufblühen und leben, wie man leben sollte. Manchmal braucht man nur angeschubst werden – und schon kommt der sprichwörtliche Stein ins Rollen, verändert uns und unser Leben und nachher sind wir dankbar für diesen Schubs.
    Liebe Grüße von Kerstin.

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Ja, manchmal braucht es einen Schubs, wenn jemand schon zu sehr im Trott gefangen ist und alles verhärtet scheint, liebe Kerstin. Ein manchmal sehr schmerzhafter Schubs kann eine Menge bewirken, sogar alles verändern. Ich habe es vor einiger Zeit selbst erleben dürfen, dass es Menschen verändern kann. Herr Buchstabenwiese und ich erfreuen uns immer wieder daran, dass wir diese überaus positive Veränderung bei zwei lieben Menschen noch miterleben dürfen und sind dankbar dafür.

      Herzliche Grüße zu dir,
      Martina

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  14. Waldameise schreibt:

    Oh, wie schön du deine Gefühle und Gedanken beschrieben hast, liebe Martina. So entstand eine eigene kleine, berührende Geschichte. Wie für die Adventszeit gemacht.

    Mich erinnert das Buch ein wenig an „Forrest Gump“, auch wenn man es nicht direkt vergleichen kann. Aber dieser Film hat mich auch so sehr berührt.

    Einen besinnlichen 2. Advent wünscht dir
    mit lieben Grüßen
    die Waldameise

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Waldameise. ♥ Das freut mich sehr.

      Forrest Gump … ich weiß gar nicht, ob ich den Film schon gesehen habe, obwohl mir der Titel sehr bekannt ist. Vielleicht sollte ich ihn mir einfach mal ansehen.

      Auch dir einen wunderbaren 2. Advent.
      Liebe Grüße,
      Martina

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  15. ernstblumenstein schreibt:

    Ich habe deine interessante und mit viel Gefühl geschriebene Kurzgeschichte gelesen und erst nach den Kommentaren bemerkt, dass es ein Buchtipp war. Daraus darfst Du folgern, dass dein Einführung in das Buch genial gut war. Ich wünsche Dir eine frohe besinnliche Adventszeit.
    Einen lieben Gruss. Ernst

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  16. Emily schreibt:

    Liebe Martina, dein Beitrag ist sehr berührend. Ein wunderschöner Text. Herzlichen Dank dafür! Ja, er passt gut in die Adventszeit. Eine Zeit, in der die Besinnlichkeit Einzug hält.
    Alles Liebe zum 2. Advent,
    die Emily

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  17. Traveller schreibt:

    Dein Buchtipp strahlt in jeder Zeile deine Gefühle für die Geschichte aus. – Sehr liebevoll und berührend geschrieben, Martina.

    Und einen Satz von dir mag ich mir mitnehmen:
    Ich lasse los und gehe weiter.
    Da fällt Ballast und macht uns leichter für unseren Weg.

    Lieben Gruß und eine unbeschwerte Adventszeit
    Uta

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Danke schön, liebe Uta. Das freut mich.

      Oh ja, loslassen, macht uns leichter für unseren Weg. Mir fällt es immer wieder schwer, aber manchmal gelingt es.

      Liebe Grüße und auch dir eine unbeschwerte Adventszeit,
      Martina

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  18. leonieloewin schreibt:

    Danke für die gute Buchempfehlung. Auch Dir wünsche eine schöne Vorweihnachtszeit. Liebe Grüße Leonie

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  19. LUMICdesign schreibt:

    ………ein wirklich berührender Ausschnitt, den Du zitierst, doch genauso tief und berührend finde ich die Schilderung Deines Umganges mit dem Buch; Ich denke (aus eigener Erfahrung), Erinnerungen, Gedanken, Gefühle mögen hochkommen, manchmal bringen sie einen Schmerz, aber ich glaube einen sanften, klärenden keinen erdrückenden, wenn man nicht festhält, nicht sucht
    ………….ein Dankeschön für diesen sinnigen Beitrag in der Adventszeit.
    Lieben Gruß und eine friedliche Weihnachtszeit
    LUMIC – Michael

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  20. Gabi schreibt:

    Das Buch würde ich gerne lesen. Ich habs mir mal zu meinen Favoriten getan. Nützt wahrscheinlich kaum was, weil ich einfach kaum zum lesen komme. 😦 Naja, selber schuld.

    Das was Du mit Deinen Gedanken, die Du erst mitteilen wolltest, dann verschoben hast und sie dann nicht mehr für Dich greifbar waren, das kenne ich auch und passiert mir im Grunde genommen andauernd.

    Ich hab immer die besten Ideen oder eben Gedanken, die mich gerade beschäftigen meist dann, wenn ich nicht am Computer sitze. Unterwegs, z.B. beim Hundegassi oder so. Da fallen mir die besten Worte ein, ganz genau so, wie ich sie gerne niederschreiben möchte. Vielleicht weil eben grad da eben dieses bestimmte „Gefühl“ da ist. Und da hab ich auch diesen ungeheuren Wusch, mich darüber mitzuteilen. Bis ich dann zu Hause bin, bzw. dann wieder Zeit habe, am Computer zu sitzen, sind sie weg, die Worte und meist auch die Gedanken. Komplett weg. Eben nicht mehr greifbar. Und so gibt es von mir schon zig Beiträge, die ich gerne geschrieben hätte, aber nie habe. Weil die Gedanken nicht mehr auffindbar waren.

    Liebe Grüße
    Gabi

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    • buchstabenwiese schreibt:

      Das Buch kann ich nur empfehlen, liebe Gabi.
      Wenn du mal Lust verspürst und du die Muße zum Lesen hast, dann kannst du ja immer noch auf deine Favoriten zurückgreifen. 🙂

      Ja, das kenne ich auch. Gedanken, die ich auf der Hunderunde habe, die sind später oft wieder weg. Wobei ich in der letzten Zeit meistens Hörbücher höre auf der Runde, sodass sich das mit den Gedanken enorm reduziert hat. 🙂 Früher habe ich da sehr viel nachgedacht und plötzliche Eingebungen gehabt. So ist einiges entstanden, was ich später geschrieben habe. Ich habe manchmal auch mit mir selbst geredet, da man hier ja oft allein auf weiter Flur ist. Eine Zeit lange habe ich sogar ein Diktiergerät mitgenommen. 🙂 War aber nur eine Phase. Ich schreibe es lieber gleich auf, als es erst irgendwo reinzusprechen.

      Liebe Grüße,
      Martina

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      • Gabi schreibt:

        Nochmals danke für den Tip.
        Das mit dem Diktiergerät ist gar keine so schlechte Idee. Aber ich geh ja nicht nur auf weiter Flur Gassi sondern auch in meiner Wohngegend in der Stadt. Und da würden mich vielleicht die Leute, denen ich begegne, für etwas bekloppt halten. 🙂 Aber andererseits ich rede ja auch oft mit mir oder erzähle Kira alles mögliche. 🙂
        Liebe Grüße
        Gabi

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Immer her mit den Buchstaben. :-) Danke schön. ♥

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